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  • Donnerstag Abend in Teheran.

    Donnerstag Abend in Teheran.

    Donnerstag. Der letzte Tag der Arbeitswoche.

    Tagsüber im Kulturforum bei der Arbeit. Es wird gerade groß umgebaut. Wir bekommen eine neue Küche, neue Fenster, neue Türen, hoffentlich auch neue Ohren. Nebenbei proben unser Artist in Residence (Richard Eigner) und Alireza Mollahosseini gemeinsam für ihren nächsten Auftritt; alle Klänge vermischen sich.

    Am Nachmittag kommen drei Fahrradfahrer aus Österreich vorbei, um ein paar Tage bei uns zu wohnen. Von daheim nach sehr weit weg. Sie sehen meinen Chef:

    “Servus, bist du da Botschaftler?”

    Im Garten trocknen ihre Socken; die Schuhe lüften aus.
    Villa kunterbunt.

    Nach der Arbeit gehe ich kurz beim Markt vorbei um ein paar Früchte zu holen. 1kg Äpfel, 1kg Pfirsiche und 1kg Bananen um € 3,50.

    Halb neun am Abend lasse ich mir noch die Haar schneiden. Dem Friseur fallen zu Otrisch/Österreich Mozart, Hotel Coburg und David Alaba ein.

    Später komme ich bei einer Straßenband vorbei und setze mich ein bisschen dazu.

    Unter den vielen Bäumen, lauschen ihnen ein aneinander geschmiegtes jungen Paar, ein paar Kinder und Erwachsene.
    Neben mir beginnt eine Frau spontan zu singen.
    Was für eine schöne laue Nacht.

    Am Heimweg begegne ich einem alten Mann in sonderbarem Kostüm und riesengroßem Hut. Alle paar Meter bleibt er stehen und beginnt laut über Ali zu singen.

    Ein Tag in Teheran.

  • Die Hühner von Ramechap

    Die Hühner von Ramechap

    Originally published at liebernemo.blogspot.co.at. -15th March 2012

    Lieber Nemo,

    lass mich dir eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte die in einem fernen Land entstand. Im Schatten der höchsten Berge dieser Welt. In Nepal.

    “Es war an einem der letzten Tage des Jahres. Zusammen mit einem Freund — Raj — und seinem Vater machte ich mich auf den Weg. Auf den Weg nach Osten. Das Ziel war Ramechap. Die Heimat, die Rajs Vater als Kind verließ. Die Heimat der er entfloh. Er wollte der Perspektivenlosigkeit, und vielleicht auch Langeweile des Lebens auf einem Bauernhof in den abgelegenen Hügeln entkommen und lief mit 11 Jahren von zuhause weg, um in Kathmandu sein Glück zu suchen. Die nächste Stadt liegt zu Fuß etwa 6 Stunden weit entfernt. Das Bauernhaus seiner Eltern liegt hinter diesen vielen Hügeln.

    Remember me for faster sign inUm 5 Uhr morgens begab ich mich zum Raum, — kothaa — in dem der Bruder und die Eltern von Raj schlafen und leben. Nach einem leisen Abschied von den Schlafenden gingen wir die Straße entlang zum Bushalteplatz. Es war zappeduster [☺] und wirklich kalt. Das Licht der Taschenlampen wischte hie und da die Dunkelheit von einem vorbeiziehenden Gesicht oder einem streunenden Hund. Sehr darauf bedacht, nicht in Löcher zu fallen oder über Steine zu stolpern, gingen wir die Tokha Road entlang, bis wir nach ein paar Minuten die Bushaltestelle Dhapasi Greenland erreichten.
    Dhapasi ist ein Distrikt nördlich der Ringroad, auf der zäher Verkehr Kathmandu und Patan umfließt. Hier gibt es wie überall viele Schlaglöcher, aber auch viele Häuser die von hohen Mauern und metallenen Toren umgeben sind.

    Greenland ist nicht mehr grün. Das sterbende Zentrum Nepals breitet sich wie ein von schwarzen Blut tropfendem Krebsgeschwür über die grünen Felder des Kathmandutales aus. Wie das Nichts.

    Am Tag herrscht heute in Greenland der Staub, in dann der Nacht die Hunde. Lärmende Rudel fechten, von Menschen unerkannt, geheime Kämpfe aus. Königreiche entstehen und gehen unter; sie sind die wahren Herrscher der Stadt.
    Wage es nicht in der Nacht das sichere Haus zu verlassen.


    Im Bus, der noch im Ratnapark Buspark stand, bekamen wir Masalatee — chiyaa. Er war viel besser — viel schärfer — als jener, den man für gewöhnlich in Cafés und Restaurants bekommt. Er wärmte von innen. Danach gingen wir noch ein letztes Mal auf die Toilette — 5 Rs. pro Person — und dann auf unsere Plätze.
    Es war die letzte Bank. Die verhasste letzte Bank. Für gewöhnlich lässt es sich in den local busses recht gut aushalten. Nur die letzte Bank besteht eigentlich nur aus einem, mit dünnem Stoff überspannten, Holzbrett.

    Wir saßen also auf der verhassten letzten Bank und der Bus begann sich, wie ein Piratenschiffe eines Vergnügungsparks, langsam immer stärker vor und zurück zu bewegen. Erst als ich den Atem von keuchenden Menschen hörte, schaute ich beim Fenster hinaus und sah wie etwa zehn Männer unseren Bus anschubsten.

    Spätestens jetzt hätten wir misstrauisch werden sollen. Es sollte eine lange Reise werden.

    Ich saß an einem Fensterplatz mit einem Schiebefenster aus Plexiglas. Es passte alles nicht mehr wirklich ineinander, wodurch ein kleiner Spalt geöffnet blieb, der es einem kühlen Windzug ermöglichte, mir sanft über den Nacken zu streichen. Ein TATA, was sonst. Nachdem der Bus es nun endlich geschafft hatte vom Fleck zu kommen, fuhr er auf die gedrängte Straße, während der Schaffner (oftmals ein kleiner Junge) versuchte noch Kunden zu gewinnen. Sie schreien immer Banepa! Banepa! Ramechap! Ramechap! Banepa ist eine kleine Stadt östlich von Kathmandu, in der sich die Straßen teilen. Ein staubiger Knotenpunkt. Banepa wirkt wie die Stadt aus einem Western. Banepa wirkt als wäre es nur eine Straße, an deren Seiten ein paar Hausfassaden aufgestellt wurden.

    In Nepal mit dem Bus zu fahren ist niemals langweilig, da vieles so anders ist. Die Menschen in den Städten, die Flora und die Fauna. Vieles wirkt ähnlich, ist jedoch ganz anders.

    Und dann taucht hinter dem Hang eines Hügels eine riesige bronzene Statue auf. Der große Shiva, dessen stummer Blick über das Kathmandutal schweift. Ich denke, die vielen sakralen Bauten tragen dazu bei, dass die reine Beobachtung nicht langweilig wird.

    Nepal. Land der Millionen Tempel.

    Mit einer Genügsamkeit die ihresgleichen sucht, rollte unser Bus langsam die Straßen entlang. Immer höher und höher. Die Straße nach Ramechap, wie sie sich durch die Hügel windet.

    Wir sehen die Berge. Es ist immer so schön die Berge zu sehen. Wie sie in der Ferne alles überragen. Himalaya.

    Erst so fern und dann plötzlich nach einer Biegung der Straße so nah. Ein gewaltiger Berg, von der untergehenden Sonne beleuchtet, zeigte sich mir in seiner gesamten Größe, als ich mich, während wir eine Stadt durchfuhren, zur Seite wandte und aus dem Fenster blickte.

    Es wurde dunkel und wir fuhren weiter, immer weiter. Es dauerte so lange. In den Dörfer kamen die Händler, um uns Dinge zu verkaufen. Sie schrien Pani, Pani, Sundala, Sundala. Wasser und Mandarinen, wobei sie jedoch alle denken, Mandarinen wären Orangen.

    15 Stunden fuhren wir die Hügel entlang. Alle paar Stunden blieben wir stehen, um einen Reifen zu wechseln oder um auf die Räumung eines Unfalls zu warten. 15 Stunden auf dem harten Brett Holz.

    Als wir ankamen stand der Mond bereits hoch oben am Himmel. Umgeben von abermillionen von leuchtenden Sternen. Wir gingen zu einem nahen Guest House. Die Umgebung fühlte sich an, als wären wir irgendwo auf dem Land, jedoch schlichen um uns Hunde herum. Ein Zeichen der Städte.

    Unsere Lodge war ein umgebautes Bauernhaus, errichtet im traditionellen Stil, schön verputzt. Die Zimmer waren hübsch. Wände aus Lehm, mit einem handbreitem Streifen brauner Farbe am Fuß.

    Nachdem wir unser Zimmer bezogen haben, gingen wir hinunter um Abend zu essen. Es gab Dal Bhat mit Ei, gegessen mit der Hand. Nepalis essen unglaublich schnell und werden danach extrem ungeduldig mit langsam Speisenden. Zumindest so einige, die ich bisher kennengelernt habe.

    Sie fangen an, Dinge am Tisch zu verschieben, aufzustehen und herumzulaufen oder anderes. Sie zeigen einem ihre Ungeduld.
    Und wenn das Essen mit der Hand ungewohnt ist, wird es unangenehm.

    Wie eine endlose Wüste liegt das Flussbett brach vor uns. Es ist tiefster Winter, die Flüsse versiegen. Früh am morgen des nächsten Tages sind wir aufgebrochen um weit in das Tal hinein zu wandern. Um die Familie zu finden. Die Eltern des Vaters. Das Flussbett ist so grau wie die Asche der Millionen von Menschen, deren verbrannte Überreste darin weggespült wurden.

    Die Stunden vergehen und unsere Füße tragen uns über die vielen Berge hinweg. Ein ewiges Hinauf und Hinab, doch fühlt es sich niemals so an, als ob wir wildes Land erreichen würden. Das Land ist kultiviert, überall schmiegen sich Reisterrassen an die Hänge der Hügel. Es muss Jahrhunderte gedauert haben das Land zu formen. Die vielen Bauernhäuser, die weit verstreut im Land stehen, strahlen eine seltsame Einsamkeit aus und doch ist man nie alleine. Auf den Pfaden sind so viele Menschen. Kinder, Frauen und alte Männer die Holz zu ihren Familien tragen, oder mit Ochs und Pflug Terrassen bestellen.

    Die meisten jungen Männer sind aber fort. Sie sind in fernen Ländern oder den Städten, auf der Suche nach Geld. Sie flüchten aus den ländlichen Regionen. Es wirkt als wäre Nepal in einem Krieg. Einem Wirtschaftskrieg. Die Jungen an den Fronten, ohne Aussicht auf Erfolg. Der nicht einsetzende wirtschaftliche Fortschritt hinterlässt Narben und Frustration.

    Es wird Mittag und wir gehen weiter. Es ist heiß. In einem kleinen Shop am Wegrand haben wir Instant-Nudeln und Kekse gekauft. Rund um den Shop herum sammelt sich der Müll, überall verstreut. Zivilisation und Konsum.

    Unsere Füße tragen uns weiter an Bauern, Bäumen und kleinen Tempeln vorbei. In der Ferne sehen wir die Gipfel des Himalaya, wie sie diese, unsere Welt überragen. Es heißt, dort oben wohnen Götter. Es ist etwas, das zu glauben leicht fällt.

    Am frühen Nachmittag erklimmen wir ein besonders steiles Stück unseres Weges. Ein Erdrutsch hat den alten Pfad verschüttet, jetzt quälen wir uns durch den Staub. Hinter dem Hügel kommen wir direkt an einem Bauernhaus vorbei. Der Vater wird erkannt. Die Heimat ist nah. Verwandtschaft.

    Großmutter und Großvater sitzen auf einer Matte vor dem, aus Lehm und Stein erbautem Haus und rauchen in einem grünen Blatt eingewickelten Tabak oder Marihuana. Die Arbeit auf den Terrassen in den Hügeln hat Spuren hinterlassen. Ihre Gesichter sind dunkel gebrannt und von tiefen Faltern durchfurcht. Die Beiden sind klein und ihre Rücken sind krumm.

    Sie scheinen relativ wohlhabend zu sein, da sie einen Stall mit zwei Kühen und mehreren Ziegen und viel Land um das Haus herum besitzen. Viele kleine Kinder leben hier, sie wurden wohl von ihren Vätern zurückgelassen, vielleicht bei Besuchen gezeugt.

    Das Haus begann zu rauchen, die Feuerstelle ist in der Mitte des unteren Zimmers und wann immer Dinge gekocht werden, erfüllt dichter, beißender Rauch die Räume.

    Vielleicht macht den Menschen der Staub und der Rauch der Hauptstadt nichts aus, weil es immer schon so war. Die vor Rauch brennenden Augen als Teil des Lebens. Bis sie aufhören zu brennen und dieses an den Rand der Wahrnehmung tritt.

    Uns wurde ein großer Teller mit gebratenen und fast gepoppten Maiskörnern gebracht — wir waren schon hungrig. An einem Baum hingen frische Mandarinen und ich durfte sie pflücken, weil ich der Größte war. Es hingen nur noch ein paar am Baum, da sie schon alle Früchte, die in ihrer Reichweite waren, gegessen hatten.

    Wir aßen, auf der Matte sitzend, und Vater und Vater unterhielten sich. Weder ich noch Raj verstanden die beiden. Sie sprachen Tamang. Immer und immer wieder bot der Vater seinem Vater und seiner Mutter Zigaretten an. Nicht nur ihnen. Während der ganzen Reise gab er den Menschen, auf die er traf Zigaretten. Das scheint wohl den Reichtum des Städters zu zeigen. Den Reichtum des Mannes, der als Junge fort ging um im fernen Oman für den Sultan zu arbeiten. Surya, die billigsten. Sie rauchten viel. Sie rauchen gerne. Besonders die Großmutter.

    Die Kinder hatten langes, verfilztes Haar und ein verständnisloses Staunen im Gesicht.

    Es waren viele Mädchen und ein Junge. Er wurde bevorzugt behandelt. Was wohl aus ihm werden wird? Wird er als Bauer hier bleiben, oder doch in den Krieg ziehen oder schon im Kindesalter sterben?

    Was wird wohl aus den Mädchen. Werden sie an Männer gebunden, die fort gehen und sie und ihre Kinder zurück lassen, oder werden sie sich entschließen zu gehen? Aufbrechen in eine unbekannte, und für freie Frauen feindliche Welt? Oder werden sie bleiben, die Liebe finden und ein erfülltes und einfaches Leben auf dem Land leben?

    So viele Fragen. So viele mögliche Leben.

    Nach einer schlaflosen Nacht auf einem Bett aus Holz, wurden wir auf dem Rückweg häufig eingeladen. Tee, Reis und Huhn. Sie schlachten die Hühner für die Menschen aus der Hauptstadt. Oh welch Freude, auf mit bereits flauem Magen, einen ganzen Hühnerfuß in der Fleischsuppe zu finden!

    Wenige Stunden später übergab ich mich. Freunde wandten sich von mir ab und hielten Distanz, als wäre ich in einem schändlichen oder ansteckenden Zustand der Schwäche. Der schwache Ausländer.

    Ich fühle mich auch schwach und das Ziel scheint immer wieder hinter einem neuen Berg zu verschwinden, anstatt näher zu kommen. Und dann, nach einer weiteren Biegung war es endlich so weit. Thama Koshi. Der große vertrocknete Strom lag vor uns, wir wanderten durch sein verstaubtes Bett, bis wir einen Seitenfluss erreichten, in dem ich mich wusch. Ich setzte mich, zog meine Schuhe aus, streifte die Kleidung ab und glitt in das herrlich kühle Nass. In die Asche der Toten. Das Wasser spülte den Schweiß und die Schwäche weg und gab mir Kraft.

    Abends kurierte ich mich mit Keksen und Cola. Ich lag auf dem harten Bett im Guest House und wurde immer wieder von staunenden Kindern und manchen Erwachsenen besucht, die ihre Englischkenntnisse und meine paar Worte Nepali erprobten. Der Schlaf holte mich schnell ein. Es war Neujahrsabend. Frohes neues Jahr 2012.”

    Nun ist es Frühling — oder schon Sommer — in Kathmandu. Die Stadt ergrünt und die triste, graue Stimmung der Wintertage weicht den saftigen Blättern der tausenden Bäume.
    Kathmandu kann so wunderschön sein.

    Florian